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02.09.2007
„Kevin und die Folgen – wie schützt der Staat unsere Kinder?
Hochkarätig besetztes Podium diskutierte auf Einladung der Kinderhilfestiftung

Etwa 1,4 Millionen Kinder werden nach Schätzungen jährlich von ihren Eltern misshandelt; in nur 3.500 Fällen kommt es zu einer Anzeige bei der Polizei. Mit diesen erschreckenden Zahlen eröffnete Eberhard Kramer, Präsident des Landgerichts Frankfurt am Main, die Podiumsdiskussion "Kevin und die Folgen – wie schützt der Staat unsere Kinder?". Brigitte Zypries, Bundesjustizministerin, Silke Lautenschläger, Hessische Sozialministerin, Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, sowie der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, diskutierten auf Einladung der Kinderhilfestiftung e.V. am 30. August 2007 im Arabella Sheraton Grandhotel, Frankfurt am Main.

Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass es keiner neuen Gesetze bedarf. Mit dem absoluten Gewaltverbot, verankert im Recht auf gewaltfreie Erziehung (seit 2000) und im Gewaltschutzgesetz (seit 2002), sei nun stärker ins öffentliche Bewusstsein gelangt, dass Gewalt im familiären Nahbereich keine Privatangelegenheit mehr sei. Brigitte Zypries konstatierte allerdings, dass der Staat mit seiner Wächterfunktion erst dann eingreifen kann, wenn schon etwas schief läuft. Sie forderte, die Familiengerichte müssten frühzeitiger eingreifen können und nicht erst dann, wenn es darum geht, den gewaltausübenden Eltern das Sorgerecht zu entziehen.

Prävention gegen Kindesmisshandlung
Dass Maßnahmen zur Prävention ein hoher Stellenwert zukommt, um Kindesmisshandlung zu vermeiden – auch darin herrschte Einigkeit in den Positionen. Silke Lautenschläger plädierte für eine stärkere Vernetzung von Kinderärzten, Jugendämtern, Polizei und Justiz, räumte aber ein, dass man auf dem Weg dahin "noch dicke Bretter zu bohren habe". Sie setzt besonders auf das Modell der so genannten Familienhebamme. Speziell weitergebildete Hebammen betreuen die Familie über die Tage nach der Geburt des Kindes hinaus und sind direkte Ansprechpartnerin in allen Fragen rund um das Kind. Dabei könne das hohe Vertrauen, das Hebammen grundsätzlich in Familien genießen, der Schlüssel dazu sein, Alarmsignale frühzeitig zu erkennen und schnell zu handeln. Auch verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen – bisher auf freiwilliger Basis, aber mit hoher Akzeptanz – könnten helfen, dass Anzeichen von Misshandlung oder Vernachlässigung frühzeitig entdeckt würden.

Migrationshintergrund erhöht Misshandlungsrisiko
Untersuchungen, die Professor Pfeiffer an seinem Institut durchgeführt hat, belegen einen Zusammenhang zwischen Religionszugehörigkeit zum Islam und Kindesmisshandlungen: die Wahrscheinlichkeit im familiären Umfeld misshandelt zu werden, sei für einen Jungen mit Migrationshintergrund dreimal so hoch als für einen deutschen. Pfeiffer warnte in diesem Zusammenhang vor falsch verstandener Toleranz. Schließlich ist die Würde des Menschen als unantastbar im Grundgesetz verankert. Aufklärungskampagnen in Medien, die Migranten erreichen, seien deshalb ein wichtiger Baustein. Pfeiffer setzt auch auf ein Pilotprojekt in Niedersachsen, das Risikofamilien bereits ab dem vierten Schwangerschaftsmonat der Mutter begleitet. „Dabei geht es zunächst darum, die positive Einstellung der Mutter zu ihrem Kind zu stärken und zu fördern. Ermutigen, nicht kontrollieren ist die Devise.“ Bei älteren Kindern plädiert er für ein Modell, das sich in Schweden bewährt hat. Dort kommen unabhängige Kinderschützer in die Schulen und bieten den Kindern in Notfällen ein vertrauliches Gespräch an – mit der Verpflichtung über das Anvertraute zu schweigen.

Verschärfung der Situation durch Armut
Auch wenn heute erfreulicherweise immer mehr Kinder ohne Ohrfeigen oder eine Tracht Prügel erzogen werden, bleiben die Misshandlungsfälle mit Verletzungen seit Ende der 90er Jahre konstant hoch. Offenbar erreichen die bisherigen Maßnahmen gerade diese Familien in nicht ausreichendem Maß. Heinz Hilgers, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, befürchtet, dass die wirtschaftliche Armut sowie geringe Bildung und mangelnde soziale Einbindung das Problem weiter verschärfen. Lebten laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2004 1,1 Millionen Kinder von staatlicher Unterstützung, hat sich diese Zahl bis März 2007 mit 2,6 Millionen Kindern mehr als verdoppelt. Hilgers sieht darin eine soziale Zeitbombe, denn diese Situation erhöhe das Risiko später selbst zum Leistungsempfänger statt –träger zu werden – mit allen negativen Folgen, wie der Gewaltbereitschaft. In seiner Funktion als Bürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen setzt er eine Reihe von präventiven Maßnahmen um. So wird dort beispielsweise ausnahmslos jede Familie nach der Geburt eines Kindes zu Hause besucht, was Stigmatisierung vermeidet. „Wir kommen, um zu helfen, nicht um zu kontrollieren“, betont Hilgers. Auch Grundschullehrer besuchen ihre Schüler zu Hause, um deren familiäres Umfeld kennen zu lernen; Vorsorgeuntersuchungen finden regelmäßig in Kindergärten und Schulen statt.

Werteverschiebung zugunsten der Kinder
Nach der regen Diskussion – auch das Publikum bestehend aus Richtern, Staatsanwälten, Rechtsanwälten und Sozialpädagogen beteiligte sich intensiv – zog Eberhard Kramer ein insgesamt positives Fazit: „Zwar bestehen Defizite in der Prävention wie auch in der Aufdeckung von Kindesmisshandlung. Insgesamt sind wir aber auf einem guten Weg.“ Gesellschaftliches Ziel müsse sein, eine Wertverschiebung, die die Belange der Kinder in den Vordergrund stellt, so Kramer.

Die Podiumsdiskussion war die fünfte in der Reihe "Rechts- und sozialpolitische Gespräche", die die Kinderhilfestiftung seit 2000 veranstaltet. Aufgrund seines Selbstverständnisses "Anwalt der Kinder" zu sein, stellt der Verein aktuelle Themen in den Mittelpunkt, die Kinder unmittelbar betreffen. Ziel ist, eine Plattform zu bieten, die Experten verschiedener Disziplinen zusammenbringt, den Austausch kontroverser Standpunkte fördert, die Öffentlichkeit für diese Themen sensibilisiert und somit Impulse zur Veränderung gibt.

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